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Farbenschlacht und Massengewirr

Intensiver Gewürzduft steigt dir in die Nase. Bärtige Männer mit Turbanen kochen in großen Metalltöpfen Chai. Mücken umkreisen abgeschnittene Ziegenohren, die auf silbernen Tabletts zum Verkauf bereit stehen. Eine Gruppe von Frauen in langen knallbunten Gewändern läuft kichernd vorbei. Direkt neben dir pisst ein Mann einfach an eine Hauswand und du riechst, dass er nicht der erste ist, der das tut. Jemand schneidet, wiegt und verkauft Papaya. Ein kleines Kind mit zerzausten Haaren zieht an deinem Ärmel, will etwas zu Essen. Halb gerupfte Hühner zertreten sich fast gegenseitig in ihrem kleinen Käfig. In eine schmutzige Decke eingewickelt schläft irgendwer am Straßenrand. Staub wird aufgewirbelt, du hustest, stolperst über einen Hund. Und dann bleibst du einfach stecken, mitten in der Stadt. Es sind einfach zu viele Leute, Rikschas, Autos, Kühe, Tuktuks, Kutschen, Karren, Fahrräder… die sich gleichzeitig durch dieselbe enge Straße drängen wollen. Tja, herzlich willkommen, du bist in Indien.

Natürlich hat uns jeder vor dem Kulturschock gewarnt, klar hat uns jeder gesagt, dass das Land verrückt ist. Aber man kann sich das Durcheinander in Delhi einfach nicht vorstellen, wenn man es nicht selbst erlebt hat. Und dabei dachten wir, wir sind das asiatische Chaos inzwischen gewohnt. Aber Indien ist anders. Lauter, schneller, bunter, intensiver. Man könnte einfach wahllos und andauernd in irgendeine Richtung fotografieren und immer würde man ein interessantes Motiv erwischen. Gleichzeitig geht aber alles so schnell, dass man gar nicht weiß, wo man hinschauen soll. Es ist einfach verrückt.

Nach ein paar Tagen Schocktherapie in Delhi fahren wir dann mit dem Zug (Nein, wir müssen nicht auf dem Dach sitzen) nach Agra, zum legendären Taj Mahal. Bei Sonnenaufgang stehen wir vor dem gigantischen Marmortempel, der dank seines würdevollen Erscheinungsbildes neben sechs anderen Bauten den Titel „Weltwunder“ bekommen hat.  Mit der aufgehenden Sonne nehmen allerdings auch die Touristenzahlen zu, der Zauber des Gebäudes verfliegt und weil der touristische Ortskern Agras es nicht wert ist, mehr Zeit zu vergeuden, fahren wir am selben Tag noch weiter nach Jaipur.

Die berühmte pinke Innenstadt übt mit dem Palast der Winde und einigen anderen bezaubernden pinken Gebäuden einen angenehmen Charme auf die Bewunderer aus. Angenehm, weil die Stadt eben doch sehr groß und sehr gewitzt ist, die Verkäufer wissen, wie sie einem das Gefühl geben, ein Superschnäppchen zu machen, obwohl man das Fünffache bezahlt und junge Studenten sich gern als freundlich geben, allerdings weder freundlich noch Student sind. Wir wollen aber nicht von einem Laden in den nächsten gezerrt werden, wir wollen ein Stück unverfälschtes Indien, wo man sich einfach unters Volk mischen und beobachten kann. Das finden wir auch, und zwar in Bundi.

Allerdings ist nach unserer Ankunft von der gewöhnlichen Ruhe und Gelassenheit Bundis erstmal nichts zu merken, denn: Es ist Holi. Das religiöse Farbenfest ist wohl eins der bekanntesten, größten und verrücktesten Feste Nordindiens. Schon Tage davor werden an allen Ecken knallige Pulverfarben in kleinen Beutelchen verkauft, jeder will für die große Schlacht gut gewappnet sein. Wir decken uns fleißig mit Munition ein und betreten die Straße. Von allen Seiten kommen farbverschmierte Inder angerannt, bewerfen uns mit dem bunten Puder, bespritzen uns mit Wasser, wünschen uns Happy Holi. Danke, euch auch. Und natürlich bekommen sie von uns auch gleich die Quittung für die Farbe im Gesicht… ;)  Die ganze Schlacht erinnert an einen knallbunten Kindergeburtstag, nur etwas extremer und mit erwachsenen, durchgedrehten Indern. Nachdem dann nach stundenlangem Farbenwerfen wirklich jeder von oben bis unten rot, grün, pink, gelb und blau eingefärbt ist, erreicht die Sauerei erst so richtig ihren Höhepunkt, wenn alle zu dröhnender Musik tanzen und die unterschiedlichen Farben zu einem dunklen Pink verschwimmen, das auch noch Tage nach Holi in Haaren, Gesichtern und Kuhfellen zu sehen ist und von den ausgelassenen Feiereien in Bundi erzählt…

 

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