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Wüstenduft und Müllentsorgung

In Bundi ist alles noch beim Alten. Also so, wie es vermutlich schon seit vielen, vielen Jahren ist. Frauen balancieren Holzbündel auf ihren Köpfen, fädeln Blütenköpfe auf Schnüre oder verkaufen Gemüse am Wegrand. Männer fertigen Plastikarmreifen an, basteln Perlenkettchen und ziehen voll beladene Karren hinter sich her. Dementsprechend fällt es uns auch nicht leicht, uns von dem kleinen Örtchen zu verabschieden und mit dem Bus nach Jodhpur zu fahren. Aber auch in Jodhpur gibt’s noch einiges an traditionellem Handwerk zu bestaunen und so besuchen wir zusammen mit Martin und Martina aus Österreich auf der Suche nach knallbunten Farben und typisch indischen Momentaufnahmen eine Sarifabrik. Das mit den knalligen Farben wird leider nichts, dafür werden aber wirklich meterlange Stoffbahnen bedruckt, gewaschen und auf den Fabrikdächern zum Trocknen aufgehängt. Da flattern sie dann über den Dächern Indiens stundenlang im Wind und warten darauf, endlich um die Hüften einer hübschen Inderin geschlungen zu werden… :)

Nach ein paar wackeligen Stunden auf den Gepäckablagen des Nachtzugs sind wir zwar nicht gerade ausgeschlafen, dafür aber schon wieder in einer ganz anderen Szenerie: Jaisalmer, dieWüstenstadt. Wie eine riesige Sandburg hebt sich das alte Fort aus der Wüste Thar hervor und erinnert mehr an einen mystischen Ort aus Tausendundeinenacht, als an eine indische Stadt. In den engen Gassen der „goldenen“ Stadt trifft man jede Menge aufgeweckte Verkäufer, Martin und Martina, kuhmelkende Frauen und… Kamele. Wir können natürlich nicht widerstehen, uns auf den Rücken der wilden Tiere zu schwingen und rasend schnell durch die endlosen Sanddünen zu galoppieren, dem blutroten Sonnenuntergang entgegen, während nur die riesigen Staubwolken erahnen lassen, wo wir uns gerade befinden… So, das war „Das Leben wie es sein sollte“. Und jetzt die Realität: Mit ein paar anderen machen wir eine zweitägige Tour durch die Steinwüste, wobei unser Ritt auf den trotteligen Tierchen weder für uns noch für sie sonderlich bequem ist und zudem wenig elegant aussieht. Nachdem wir uns acuh noch frech stundenlang lautstark über die Langsamkeit der Kamele lustig gemacht haben, haben sie plötzlich genug von den Lästereien und fangen ohne Nachfrage an zu rennen. Mehr schockiert als begeistert hüpfen wir alle in unserem Sattel hoch und runter und wünschen uns das Anfangstempo zurück ;) Zur Entspannung besuchen wir kleine Dörfer, die aus 1-2 Lehmhäusern und ein paar schüchternen Bewohnern bestehen, genießen nachts das wärmende Lagerfeuer und selbstgekochtes Essen und sind dann doch ganz froh, dass wir es trotz Muskelkater von den Höckern schaffen.

Auf dem Weg nach Mumbai legen wir dann noch einen Zwischenstopp in Udaipur ein, der romantischsten Stadt ganz Indiens. Ganz romantisch erstrahlt die Festung in der Abendbeleuchtung, ganz romantisch spiegelt sie sich im heiligigen See wider, ganz romantisch gestalten indische Künstler Gemälde. Aber Indien wäre nicht Indien, wenn es nicht Fehler in dieser ganz romantischen Kulisse Udaipurs gäbe. Ganz romantisch waschen Männer und Frauen also täglich ihre Kleidung und sich selbst in dem See während ganz romantisch ein paar Meter weiter eine Frau ihren kompletten Müll in eben diesen See leert. Wie gesagt, sehr romantisch alles. Also weiter nach Bollywood. Die Traumwerkstatt Mumbai hat nämlich für jeden Geschmack etwas zu bieten: Möchten Sie in ein Zwanzigsternehotel, ein Standarthostel oder bevorzugen Sie eine Blechhütte in einem unserer Slumgebiete? Die Slumhütten sind übrigens momentan im Sonderangebot, immerhin bedecken sie 50% der gesamten Stadtfläche! Es wirkt wirklich so, als würde die stark vertretene und offensichtlich wohlernährte mumbaier Oberschicht ihre Überlegenheit und die Ignoranz gegenüber der Slumbewohnern genießen. Man findet also die teuersten der teuersten der teuersten der teuersten Hotels und direkt daneben das Elend Indiens. Während die einen in Badewannen aus Gold baden, haben die anderen weder Elektrizität noch Wasser. Die einen haben die Qual der Wahl, in welches der vielen Luxusrestaurante sie heute Abend gehen, während die anderen davor sitzen und nur hoffen können, dass sie genug Kleingeld für die Ernährung ihrer Familie zusammenbetteln können. Klingt übertrieben? Nein, das ist Mumbai, wie es wirklich ist. Eine Stadt, an der man einen Eindruck von Indiens ganzen Problemen bekommt, ohne dafür ganz Indien durchreisen zu müssen. Vielleicht nicht der traumhafteste Ort um unsere Reise abzuschließen, vielleicht aber genau wegen seinem Anticharme bestens geeignet. Das ist schwer zu beurteilen. Vielleicht fällt es uns aber deshalb so leicht, ein paar Stunden später im Flugzeug die belanglosen Beschwerden der deutschen Pauschaltouristen über zu wenig Beinfreiheit oder zu stürmische Vordermänner (Jonas, du musst dich schon ein bisschen vorsichtiger hinsetzen…!!) zu belächeln. Sind wir wirklich schon auf dem Heimweg, umgeben von lauter Leuten mit der gleichen Nationalität? Wir kommen uns zwischen den ganzen weißen Socken, den dicken rosa Unterschenkeln und den superpraktischen Trekkingsandalen doch etwas exotisch vor.

Aber was solls, lasst das Abenteuer Deutschland beginnen!

 

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