hamburg-68 © 2012 Jonas. All rights reserved.

Fischköpfe und Busenwunder

Wir sitzen im VW-Bus und fahren gen Norden. Links und rechts von uns fahren Autos, an deren Rückscheiben-W.O.A.-Aufklebern man erkennen kann, dass sie es kaum erwarten können, endlich auf dem Wacken Open Air anzukommen. Und obwohl es natürlich unterhaltsam wäre, zur Abwechslung mal jemanden mit Dreads statt wie üblich mit langen schwarzen Haaren moschen zu sehen, haben wir ein anderes Ziel: Hamburg.

Weil wir in Australien so von ihm beeindruckt waren, dürfen wir die Deutschlandtournee von Xavier Rudd natürlich nicht verpassen. Deshalb geht’s gleich nach der Ankunft an DEN Kultort in Hamburg: Die Große Freiheit 36. Während wir den Rhythmus unschuldiger Didgeridoos genießen, erwacht ein paar Meter weiter eine Straße mit der Dämmerung zum Leben. Rote Reklametafeln werden angeschaltet, die Tresenstangen nochmal schnell poliert und Türen und Blusen geöffnet. Das ist also die Reeperbahn, wo junge Mädchen für ein paar Euro Körper und Würde verkaufen und Ehemänner sich nach rechts und links umschauen, bevor sie durch die Tür zur Herbertstraße schlüpfen, die Straße zum Glück, wo das „Wir müssen leider draußen bleiben“ nicht für Hunde sondern für Frauen gilt.
Weil für die MTV-Generation allerdings nackte Haut kein Tabu mehr ist, verliert die Reeperbahn langsam ihren Reiz. Da hat Hamburg deutlich Meer zu bieten. Einen Hafen gibt’s halt in Bayern leider nicht ;) Mit Stadtfahrrädern sind wir schnell an der Promenade, betrachten im Abendlicht die gigantischen Schiffe und schauen von einer kleinen Brücke hinunter auf die Elbe, an deren beiden Seiten die Backsteinhäuser der alten Speicherstadt für ein nostalgisches Flair sorgen.
Hamburg ist aber nicht nur normal schön, sondern an manchen Orten auch etwas abgedreht. Das Gängeviertel ist einer dieser Orte. Innenhöfe nahe dem Jungfernstieg, in denen sich freischaffende Künstler zusammengeschlossen, niedergelassen und ausgelebt haben. Als hätte jemand Puppen, alte Fahrräder, einen Briefkasten, Blumentöpfe, Wäscheleinen, alte Möbel und Matratzen willkürlich verteilt und danach alles kunterbunt angemalt. Diese moderne Interpretation von Kunst darf man sich dann jederzeit anschauen und es kommt selten vor, dass nicht ein paar Leute gemütlich zusammensitzen, reden und kreativ sind.
Zum Schluss gibt es dann noch quasi als Abschiedsfeier für uns eine riesige Schwulen-Lesben-Parade durch die Stadt, jeder darf sich kleiden und benehmen wie er gerne möchte und es wimmelt nur so von Farben, Federn, Lack und Leder. Jaja, die Hamburger treiben’s bunt :)
Vermutlich hätten wir noch viel länger in Hamburg bleiben können, ohne dass uns einen Moment die Ideen zu Unternehmungen ausgehen. Dafür haben wir Zuhause aber einen anderen Vorteil: Das Wetter ist eindeutig besser :)

Schreib einen Kommentar