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Altstadtgetuschel und Wasserstraßen

Wir sind etwas spät dran mit unserem Blog. „Etwas“ bedeutet ca. ein halbes Jahr. Vielleicht ist aber genau jetzt der richtige Zeitpunkt. Im Sommer setzt sich niemand vor den Bildschirm und schaut sich Motive an, die die Realität draußen in viel besser zu bieten hat. Aber jetzt, wo es Ende Februar noch einmal schneien musste und niemand mehr weiß, wie es ist, ohne Jacke auf sonnenbeschienenen Wiesen zu liegen und ein Eis zu essen, gerade jetzt ist es gut, Sommergeschichten zu erzählen und durch warme Bilder das Fernweh zu wecken.

Wir sind wieder mit dem VW-Bus unterwegs, haben Bett, Küche und Koffer dabei. Was man eben so braucht zum Reisen. Der Plan: Die Westküste Italiens runter, bis nach Neapel, dann Küstenwechsel und die Ostküste hoch bis.. naja, bis nach Hause eben. Dass wir fast alles verloren hätten, was wir dabei haben, ist natürlich nicht eingeplant. Aber wer plant sowas schon.

Es geht los in Bergamo, wo die Familie meiner Austauschpartnerin Giada Scandoli schon aus den Fenstern winkt, als wir mit dem Bus um die Ecke tuckern. Ein unglaublich komfortabler Start, die Scandoli-Mama kocht nämlich genau so, wie man es sich von einer italienischen Mama vorstellt: Viel zu viel und viel zu lecker. Benissimo! Und: Grazie mille a voi, Scandolis!
Natürlich können wir uns nicht ewig bekochen lassen und so schön die Altstadt Bergamos auch ist, es gibt noch so viel mehr zu sehen. Wir fahren weiter gen Süden und werden dabei immer wieder von winzigen Dörfern abgelenkt, deren Häuser so bunt bemalt und so steil am Berg gebaut sind, dass wir nicht widerstehen können, durch die engen Kopfsteinpflastergassen zu wandern und den Frauen zu winken, die ihre Teppiche an den Fenstersimsen ausklopfen.
Und während im Ortskern der Dorfstadt Lucca alte Männer den aufdringlichen Tauben Ciabattakrümel zuwerfen, wird das ganze Bild von einem Cellisten musikalisch untermalt.
Raus aus der natürlichen Idylle, rein ins Touristenmekka Pisa. Denn obwohl wir wirklich kurz davor waren, uns das originelle „Schau-ich-halte-den-schiefen-Turm“-Getue zu ersparen, bringen wir’s schließlich doch nicht übers Herz, die Stadt zu ignorieren. Wir finden heraus, dass der Turm wirklich so schief ist, wie man ihn sich vorstellt und sind stellvertretend für die Anwohner beruhigt, dass er zu jeder Tageszeit von mindestens fünf Touris virtuell gestützt wird. Ein Glück.
Achja, falls es jemanden interessiert: Das eigentliche Pisa, also die Stadt an sich, ist schön und – Überraschung – sogar relativ untouristisch. Wer also mal über den Tellerrand schauen möchte: Ja!
Ein heißes Bad in den Schwefelquellen von Saturnia, wo wir leider nicht die einzigen sind, und weiter geht’s über holprige Straßen, Serpentinen, vorbei an wilden Wiesen und alten Villen. Wir kaufen die leckersten Oliven der ganzen Welt am Straßenrand und von einem winzigen Bauernhof das wohl größte Käsestück, das je zwei Leute innerhalb so kurzer Zeit gegessen haben. Wir übernachten mitten in einem Olivenhain und trinken Limoncello, iteliensichen Zitronenlikör, der so süß ist, dass niemand damit rechnen konnte, dass er trotzdem so stark ist… Und wir klauen diese wunderschön farbigen Kaktusfrüchte aus einem Garten, rennen zum Auto und fahren weg – nur um dann zu merken, dass tausend kleine Stacheln in unseren Händen stecken, die wir auch noch Tage später spüren werden. Abgesehen davon bestehen die Früchte nur aus Kernen. Außen hui, innen pfui. Wir werfen sie noch während der Fahrt aus dem Fenster.

Über kurvige Wege erreichen wir dann auch Pitigliano und Sorano. Liebenswerte Kleindörfer, aus Tuffstein gebaut, mit engen Gassen, schiefen Hausdächern und mittelalterlichem Flair. Absolut zu empfehlen als Niederlassung zum Altwerden. Die italienischen Rentnertratschgruppen haben auf den Stufen vor ihrem Hauseingang für Neuzugänge nämlich noch ein Plätzchen frei.
Glaubt man Goethes „Vedi Napoli e poi muori“, haben wir allerdings eh nicht mehr lang zu leben. Obwohl sich nach dem Tag in Neapel bestätigt hat, worüber sich viele Übersetzer beschweren: Die Zweideutigkeit des Satzes geht im Deutschen verloren, mit „muori“ waren sowohl Imperativ als auch der gleichnamige Nachbarort gemeint. Denn Neapel hat durchaus beeindruckende Gebäude und jede Shoppingqueen würde die Fußgängerzone lieben… aber ein Stück Himmel auf Erden? Wir haben Schöneres gesehen.
Unser nächster Stopp, quasi gleich nebenan, ist Pompeji, wo wir stundenlang Ruinen bestaunen. Durchaus sehr interessant, nach 3 Stunden ausnahmsloser Sonnenbestrahlung wird’s uns aber zu heiß. Wir brauchen einen Strand. Am besten natürlich einen einsamen, perfekten. Gar nicht so einfach, denn meistens sieht man den Strand vor lauter Sonnenschirmen kaum. Wie findet man also eine einsame Bucht?

Eine Möglichkeit ist, dort, wo es rechts von der Straße steil abfällt, einen Trampelpfad zu entdecken und sich so halb kletternd und halb rutschend bis hinunter zum Meer durchzukämpfen. Das letzte Stück müssen wir uns mit einem Strick, den Einheimische zwischen zwei Felsbrocken geklemmt haben, abseilen. Wir sehen wohl ziemlich unbeholfen aus, eine alte italienische Frau gibt uns lachend Anweisungen, wohin wir unsere Füße setzen müssen, bevor sie selbst ohne Probleme mit zwei Taschen (!!) in der Hand die Felsen hinaufklettert. Fast ein bisschen peinlich für uns  Zu Rotwerden bleibt uns aber keine Zeit, denn vor uns liegt tatsächlich die perfekte Bucht und wir genießen einen Nachmittag lang die wenigen Leute, das klare türkise Wasser, die Stille und vor allem: Die fehlende Sonnenschirmbepflasterung.
Nach diesem Erfolgserlebnis kommt der Küstenwechsel von West nach Ost und mit ihm das Highlight unserer Reise, im negativen Sinne. Das Lowlight. Der Super-GAU. Der dann ja aber Gott sei Dank doch keiner ist.
Wir sind gerade wieder stolze Entdecker eines einsamen Strandes geworden, haben das Auto ziemlich blöd am sandigen Wegrand geparkt („Na toll, hoffentlich kommen wir da nachher wieder raus!“) und beobachten das Meer, als ein Italiener auf uns zugerannt kommt, die Arme in die Luft werfend, wie Italiener das eben machen, wenn sie wütend oder erfreut sind. Ob uns das deutsche Auto gehört, will er wissen, und deutet mit den Händen an, dass es umgekippt ist. Mist, wir wussten doch gleich, dass der Parkplatz ungeeignet ist. Wir rennen zum Auto und sind überrascht: Das Auto ist nicht umgekippt, allerdings haben wir vergessen, den Motor auszuschalten. Mann, sind wir doof. Aber damit nicht genug: Wir haben auch die Beifahrertür offen gelassen. Oke, spätestens jetzt wissen wir, dass irgendwas nicht stimmt. Und da stimmt so einiges nicht. In der Tür ist nämlich ein Loch, weil sie aufgebrochen wurde. Die komplette Fassade unterm Lenkrad ist weggerissen, die Drähte durchgeschnitten und kurzgeschlossen. Das Lenkradschloss ist mit Gewalt rausgebrochen. Und gäbe es nicht das berühmte Glück im Unglück, hätten wir nicht so absolut blöd im Sand geparkt, wäre das Auto schon längst über alle Berge. Und mit ihm alles, was wir haben.
Wir sind schockiert und erleichtert, das ist so ein Ich-weiß-nicht-ob-ich-lachen-oder-weinen-soll-Moment. Aber ehe wir uns entscheiden können, sind wir auch schon von Helfern umringt, die unser Auto aus dem Sand schleppen lassen und uns zu sich zum Essen einladen. Es ist so verrückt, so unrealistisch. Aber wie in jeder guten Geschichte gabs auch in dieser ein Happy End.
Ziemlich zügig und immer noch etwas unter Schock fahren wir Richtung Heimat, wollen in Rimini das Partyleben Italiens erkunden. Tja, falsch gedacht, Rimini ist zwar durchaus die besagte Hochburg deutscher Abiturienten, aber abgesehen von ein paar wenig reizvollen Clubs gibt es nicht viel zu bewundern. Tausche Partylust gegen Romantikbedürfnis, wir fahren weiter nach Venedig. Die Gassen sind nicht besonders edel, das Wasser ist dreckig und die Tauben nerven. Das alles beeinträchtig aber nur gering den Charakter Venedigs, denn wenn man sich weit genug von der Piazza di San Marco fernhält, erkennt man, wie einzigartig die Stadt ist. Es gibt kleine Cafés, einige Katzen und tausende von kleinen Brücken. Kein Verkehrslärm, keine Autos. Zwischen den Häusern, hoch droben über dem Kanal, spannen die Bewohner von einem Fenster zum anderen ihre Wäscheleinen, mit Vorsicht, denn was hinunterfällt, landet im Wasser. Venedig ist bezaubernd, ein bisschen Märchen, ein bisschen Realität.
Venedig ist aber auch das Ende unserer Reise, denn wir fahren jetzt nach Hause. Der VW-Bus, der fast weggewesen wäre, viele neue Eindrücke, die man erst mit den Fotos Zuhause realisiert, und wir zwei, für die das sicher nicht die letzte Reise war.

 

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  1. By Cıvata 14 Jun ’16 at 10:19

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